Gleichgeschlechtliche Paare sind willkommen

Interview von Roland Weiß, Schwäbische Zeitung, mit Pfarrer Peter Steinle:

Herr Steinle, warum strebt Meckenbeuren aktiv an, zu jenem Viertel der evangelischen Kirchengemeinden zu gehören, denen die Segnung gleichgeschlechtlicher Ehepaare erlaubt ist?

Pfarrer Steinle: Der Kirchengemeinderat hat sich auf einem Klausurwochenende im April und bei einer Sitzung im Mai ausführlich mit dem Thema befasst. Wir wollen eine einladende Gemeinde sein, in der Menschen verschiedenen Alters oder Geschlechts wie auch unterschiedlicher Herkunft oder partnerschaftlicher Orientierung willkommen sind. Wir sind überzeugt: Wenn in einer christlichen Partnerschaft christliche Werte gelebt werden wie Treue und Ehrlichkeit sowie gegenseitige Verantwortung und Fürsorge, dann liegt darauf der Segen Gottes - egal, ob sie zwischen Menschen verschiedenen oder gleichen Geschlechts besteht.

Was denken Sie selbst darüber, wie ist Ihr Standpunkt?

Niemand sucht sich seine partnerschaftliche Orientierung aus; davon bin ich überzeugt. Wer irgendwann einmal merkt: Ich fühle mich nicht zum anderen Geschlecht, sondern zum eigenen hingezogen, der bekommt damit schon genügend Probleme: Wie erkläre ich das meinen Eltern? Was denken die Kollegen? Welche Blicke und Bemerkungen muss ich ständig ertragen? - In der Seelsorge höre ich von solchen Nöten. Es war für mich immer ein großer Schmerz, dass unsere Kirche diese Seelennöte bisher sogar noch verstärkt hat dadurch, dass sie mir als Pfarrer verboten hat, solche Partnerschaften in einem Gottesdienst zu segnen. Der Schritt, den unsere Landessynode jetzt gemacht hat, war überfällig. Und ich finde es richtig, dass unser Kirchengemeinderat die Initiative aufgenommen hat.

Was entgegnen Sie, wenn Gegner der neuen Regelung mit der Bibel argumentieren?

Als Christ und als Pfarrer ist die Bibel die Richtschnur für mein Leben, deshalb habe ich sie genau studiert: Es gibt drei Bibelstellen, die sich kritisch mit homosexuellen Praktiken auseinandersetzen. Dort werden sexuelle Ausschweifungen kritisiert, aber niemals gleichgeschlechtliche Partnerschaften, die auf lebenslange Treue und gegenseitige Verantwortung abzielen. Die beiden Stellen im Alten Testament stehen in einer Reihe mit Regeln wie: „Vom Fleisch des Schweins dürft ihr nicht essen, denn es ist unrein“ oder „Ihr sollt euer Haar am Haupt nicht rundherum abschneiden noch euren Bart stutzen.“ – Wer seine Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Bibel begründen will, der müsste dann schon auch erklären, warum er gleichzeitig bedenkenlos Schnitzel isst, zum Friseur geht oder sich rasiert. Von Jesus ist keine einzige Bemerkung gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften überliefert. Er hat Nächstenliebe gepredigt und gefordert. Das ist für uns maßgeblich.

Haben Sie seit Bekanntwerden des Ratsbeschlusses (oder auch zuvor) Anfeindungen in der Sache erhalten?

Nein. Für uns Christen gilt auch in Meinungsverschiedenheiten die Mahnung des Apostels Paulus: "Ertragt einer den andern in Liebe."

Wie gehen Sie auf jene zu, die anderer Meinung sind?

Wer noch nie mit Betroffenen gesprochen hat, aber in einer Zeit aufgewachsen ist, in der praktizierte Homosexualität noch ein Straftatbestand war, für den ist der Weg zu Verständnis und Offenheit natürlich weit, das verstehe ich. Ich respektiere auch diejenigen, die in diesem Punkt anderer Meinung sind. Ich bin auch deren Pfarrer und dies ist und bleibt auch deren Kirchengemeinde! Umgekehrt wünsche ich mir von ihnen auch Respekt für unsere Auffassung. Vielfalt in einer Kirchengemeinde bedeutet immer Reichtum, aber manchmal eben auch die Anstrengung, einander auch dann in Liebe zu ertragen, wenn man nicht derselben Meinung ist.

Gibt es Anfragen von Interessierten? Spüren Sie akuten Bedarf?

Ich habe Tränen der Rührung und der Erlösung gesehen, als Betroffene von diesem Beschluss erfahren haben. Bei anderen überwiegt dagegen noch die Verbitterung darüber, wie schlimm sie von ihrer Kirche bislang benachteiligt wurden. Der Weg bis zum Traualtar ist für sie noch weit. Ich glaube kaum, dass wir viele Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare haben werden; das ist aber auch nicht unser Ziel. Viel wichtiger ist das Zeichen, das wir den Betroffenen und darüber hinaus der Gemeinde und der Gesellschaft geben: Gleichgeschlechtliche Paare haben dieselben Rechte wie alle anderen. Der Segen und die Liebe Gottes gilt ihnen wie allen anderen.

Stehen Sie zu dem Thema im Austausch mit evangelischen Pfarrern in der Region? Oder mit katholischen Kollegen?

Ja, intensiv.

Lässt sich schon absehen, wie sich die Neuerung auf den Alltag auszuwirken vermag?

Im Gemeindeleben soll und wird sich dadurch gar nichts ändern: Unsere Gottesdienste, unsere Verkündigung und unser Gemeindeleben bleiben so einladend und freundlich wie bisher. Als Kirchengemeinde bleiben wir weiter offen und tolerant. Und neben allen anderen sind auch gleichgeschlechtliche Paare willkommen bei Gott - und in unserer Kirchengemeinde.

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